Gendervielfalt als globales Thema

Über international aktive NGOs wie Amnesty International und Mainstream-Medien wurde mir bisher vermittelt, dass gleichgeschlechtliche Paare in Ländern Afrikas geächtet und verfolgt werden. Ein facettenreiches Bild nicht straighter Frauen in Nigeria, das die verzerrten Blicke aus dem globalen Norden innehalten lässt und seinen Gegenübern auf Augenhöhe begegnet, zeichnen Azeenarh Mohammed, Chitra Nogarahjan und Rafeeat Aliyu in ihrer Zusammenstellung von Interviews mit dem Titel „She called me woman“. In diesem Buch legen Frauen aus verschiedensten Regionen Nigerias Zeugnis ab über ihr Leben als Frauen, die Frauen lieben und das jenseits von Klischees.

Die Themen des Buches berühren, erscheinen authentisch, sind „allzu menschlich“. Doch vor dem Hintergrund, dass Rollenverständnisse und Zuschreibungen viel mehr besprochen, durchbrochen, diskutiert und ausgelotet werden sollten als es aktuell (überall) der Fall ist, macht dieses Buch Mut, ist ein Wegbereiter und ein Zeichen von Empowerment. Es zeigt am Beispiel von Nigeria auf, was (queere) Frauen (weltweit) verbindet, im Schatten von Intersektionalität, aber ohne dies in den Vordergrund zu stellen.

Kaduna, Zamfara und weitere nehmen kein Blatt vor den Mund, manövrieren sich nicht in die Opferrolle, das macht das Buch angenehm zu lesen und lässt die Frauen wie die eigene beste Freundin, Nachbarin oder Klassenkameradin erscheinen, trotz der teils widrigen Erlebnisse der einen oder anderen Protagonistin. Die Themen reichen von sexueller und häuslicher Gewalt über Missbrauch, Rassismus, Zwangsehe bis zum Ausschluss aus der Familie, dominieren aber nicht in den Texten der Frauen.

Indem Bericht „This is what I have been missing“ von IX aus Kaduna erfahren wir, dass sie nicht von Anfang an wusste, dass sie Frauen liebt. Wiederkehrend ist die Familienthematik, dass befürchtet wird, die Konsequenzen eines Outings würden durch die direkte Familie nicht getragen, obwohl Freunde und Cousins und Cousinen es doch eher gelassen sehen. Unbegründet ist diese Angst nicht. So ist für TQ aus Gombe/Plateau, 27 Jahre alt, eine Welt zusammengebrochen, als sie mit ihrer Freundin von ihrem Onkel entdeckt wurde und jeweils die Familien in Kenntnis gesetzt wurden. TQs Freundin wurde geschlagen und erwägt nun einen Mann zu heiraten, um dem Druck zu entgehen. Das trifft TQ sehr, vor allem, weil sie sie im Stich gelassen hat. Dabei würde sie so gern diese Beziehungen weiterführen und eine Familie gründen – eine Scheinehe, eine Beziehung zu einem Mann, kommt für sie nicht in Frage.

OW, 25 aus Ondo wurde von ihrem Onkel als Kind sexuell missbraucht, hat stark religiöse Eltern und spricht trotz allem unverblümt über ihre sexuellen Vorlieben. Durch die Strenge ihrer Eltern, weil diese über Umwege von ihrer sexuellen Orientierung erfahren haben, musste sie sogar ihre Arbeitsstelle aufgeben. Auch OW glaubt an Gott, findet aber den Zugang eher über Spiritualität als über eine Kirche, die gegen Homosexualität wettert. An keiner Stelle hat OWs Bericht etwas Leidendes, sie spricht aus Überzeugung, will sich über ihre Sexualität nicht definieren, lehnt stereotype Rollenverteilungen ab: „My Sexuality is Just the Icing on the Cake“.

Die politische Lage in Nigeria für gleichgeschlechtliche Paare ist denkbar ungünstig. Durch das föderale System ist die Rechtsprechung von Bundesstaat zu Bundesstaat verschieden. Im Norden des Landes wird die Scharia angewandt, was für homosexuelle Männer die Todesstrafe bedeuten kann, wohingegen Beziehungen zwischen Frauen legal sind. Durch den „Same-Sex Marriage Prohibition Act“ von 2014 werden aber jegliche Handlungen kriminalisiert und eine offizielle gleichgeschlechtliche Partnerschaft unmöglich. Kein Land auf dem Kontinent, außer Südafrika, erlaubt gleichgeschlechtliche Partnerschaften. Das erstaunt, da es in vorkolonialen Zeiten keine Gesetze gegen nicht binäre Beziehungen gab.

Die Herausgeberinnen bedauern, dass sie, obwohl es ihnen gelungen ist regional ganz Nigeria widerzuspiegeln, hauptsächlich nur Frauen zwischen 20 und 30 Jahren interviewen konnten. Gern hätten sie auch ältere Frauen befragt um einen umfangreicheren Eindruck von Queerness in Nigeria auch zeitlich widerzugeben. Obwohl es schon immer eine Vielfalt in der Sexualität gegeben hat, wurde diese nicht unbedingt sichtbar. Nur weil etwas nicht sichtbar ist, bedeutet das nicht, dass etwas nicht existiert. Dieses Buch leistet einen bedeutenden Beitrag dazu, Frauen, die sich nicht im rigiden binären System der Heterosexualität sehen, eine Stimme zu geben und erfahrbar zu machen, was das in unser aller imperialistischen, (post)kolonialen, sexistischen Welt immer noch für Folgen hat.

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