„Er hat gesagt er ist zugleich der Tod und das Leben“

David Diop, geboren am 24. Februar 1966 in Paris und im Senegal aufgewachsen, ist Schriftsteller, Literaturwissenschaftler und unterrichtet französische Literatur an der Universität Pau in Frankreich. Nachts ist unser Blut schwarz ist sein zweites Buch und gewann in Frankreich den ‚Prix Gouncourt des Lycéens 2018′. Der Roman wurde schnell beliebt und wurde als faszinierende Literatur gefeiert. Im Roman erörtert Diop die Humanität in inhumanen Zeiten und zieht die Leser ins tiefste Innere der dunklen und grausamen Tage des Krieges. Seine Inspiration für den Roman, entstand aus einer Lektüre persönlicher Briefe (gesammelt von Historiker Jean-Pierre Guéno) aus dem ersten Weltkrieg von französischen Soldaten, die ihre Gefühle und Gedanken während des Kampfes zwischen 1914 und 1920 auf Papier niederschrieben. Briefe von Senegalschützen (Soldaten aus dem Kolonialreich Frankreichs in West- und Zentralafrika), die für die französische Armee kämpften waren die Inspiration. Diop verfasste einen fiktiven Text, der die Gefühle und Gedanken eines afrikanischen Soldaten wiedergibt. Durch das literarische Mittel der „erzählenden Gedanken“ entsteht eine innigere und persönlichere Ebene, die die Zeit des Grauens umso mehr verdeutlicht und den Lesenden zur Empathie zieht.

Im Roman schauen wir in Alfa Ndiaye’s Gedanken hinein. Ndiaye ist ein schöner afrikanischer Soldat aus dem Senegal, Sohn eines alten Mannes, und ein echter Kämpfer.

Das Buch fängt damit an, dass Ndiaye seinen besten Freund, seinen Seelenverwandten Mademba Diop beim Kampf gegen die deutsche Armee verliert. Er fühlt sich schuldig und will sich ändern, für Mademba. Ndiaye wird brutal und unberechenbar. Aus Rache am Tod von Mademba tötet Ndiaye die Feinde barbarisch und sammelt feindliche Hände wie Trophäen. „Für alle, schwarzen und weißen Soldaten, wurde ich der Tod., alle nennen ihn den Seelenfresser (dëmm), einen Hexenmeister. Selbst vor seinem Blick haben sie alle Angst. Verwirrung: „Bis zur dritten Hand war ich ein Kriegsheld mit der vierten wurde ich ein gefährlicher Wahnsinniger, ein blutrünstiger Wilder. Bei der Wahrheit Gottes, so sind die Dinge, so ist die Welt: Alles hat zwei Seiten..

Der Einzige, der zu ihm hält ist sein französischer Kriegskamerad Jean-Baptiste, dieser stirbt leider seinerseits einen hässlichen Tod auf dem Schlachtfeld. Ndiaye war nun komplett alleine und hörte mit seinem grausamen Rachezug nicht auf:Bei der Wahrheit Gottes, ich habe gewusst, ich habe verstanden, was ich zu tun hatte.. Obwohl viele Ndiaye fürchten, hatte er ebenso viele Verehrerinnen und Verehrer. Ohne Worte kann er ‚alle‘ von sich beeindrucken: Ich lächle die anderen an, und sie lächeln zurück., „Bei der Wahrheit Gottes, ich weiß, dass ich schön bin, alle Augen sagen es mir.

Ndiaye, ein 20jähriger junger Mann, der von Tag zu Tag erwachsener wird und sich selber kennenlernt: Wo bin ich? Mir ist, als kehrte ich von weither zurück. Wer bin ich? Das weiß ich noch nicht.. Er ist überfordert mit der Gesamtsituation und handelt so, wie er es für richtig hält. Ndiayeachtet auf keine andere Meinung und verarbeitet seinen Schock wie er das möchte. Durch all diese Erfahrungen im Krieg und außerhalb des Schlachtfeldes erfindet sichNdiayeneu, er wird erwachsen und wächst. Ganz besonders liegt der Fokus für ihn auf seinem Körper: Mein Körper sagt mir, dass ich ein Ringkämpfer bin, und das genügt mir. …Mir genügt es von nun an völlig, die Kraft meines neuen Körpers zu entdecken..  Der Roman veranschaulicht die Entwicklung des jungen Soldaten, physisch sowie psychisch. Alfa Ndiaye lebt seit dem Tod von Mademba Diop für beide: Bei der Wahrheit Gottes, ich schwöre dir, so wie ich uns denke, ist er ich, und ich bin er..

Wie zuvor erwähnt, istNdiaye ein Junge, der seinen Schock und die Erfahrungen des ersten Weltkrieges auf eigene Weise verarbeitet und zum Mann heranwächst.

Trotz seiner Barbarei macht Ndiaye einen sympathischen Eindruck beim Leser. Die Gedankenzüge des jungen Soldaten erscheinen einem mal naiv, mal klug, mal gegensätzlich und mal verständnisvoll. Er denkt oft an Gott und spricht innerlich zu ihm. Er spricht nie seine Gedanken laut aus und lässt seine Offenheit von Gefühlen im Zaum. 

Ndiaye liebt (schöne) Frauen und sieht sogar im Kriegsgraben das Merkmal einer Frau: …als ich ganz nah am gegnerischen Graben ankam, der wie unserer offen dalag wie das Geschlecht einer riesigen Frau, einer Frau so groß wie die Erde.. Er erzählt uns von seiner Liebesnacht und weiß, dass nur ein Blick der Frau auf die Mitte seines Körpers nach Lust ruft: Ich weiß ich habe verstanden, mir wurde klar, dass sie mit mir schlafen wollte.

Im Roman bemerkt man, dassDiopmit Wiederholungen gearbeitet hat. Bestimmte Aussagen und kleinere Absätze wurden direkt auf der nächsten Seite nochmal wiedergegeben. Dies dient dazu, den Lesern das Gedankenspiel realistischer darzustellen. Denn, die Gedanken sind bei einem Menschen nie strukturiert und geordnet. Die Gedanken wechseln, wiederholen und ändern sich. Ich finde dies kreativ gestaltet und interessant zu lesen. Diese Repetitio stört keinesfalls, sie gibt dem Roman einen realistischen Touch. Immer wieder kehrende Satzanfänge die mir persönlich aufgefallen sind, gefallen haben und den Roman bis zum Schluss ausgezeichnet haben: Ich weiß, ich habe verstanden…, „Bei der Wahrheit Gottes…. Satzanfänge, wahrhaft und passend zur Persönlichkeit des Soldaten gewählt: Ndiaye’s Verbindung zu Gott, seine Ehrlichkeit und sein Selbstbewusstsein.  

Das einzig Negative, das mir auffiel, waren manche Begriffe, dieDiopverwendete, wie ‚Schokosoldaten‘, ‚Schokomohren‘. Wahrscheinlich sollen diese Bezeichnungen darauf hindeuten, wie die Afrikaner früher von der westlichen Welt genannt und behandelt wurden.

Zum Schluss jedoch, möchte ich diesen Roman weiterempfehlen. Er ist lesenswert und speziell geschrieben. Ich finde das fiktive Erzählen toll gewählt und sehr passend. Dieser Roman liest sich wie ein Tagebuch, das man aus alter Kriegszeit gefunden hat. Intim und persönlich. Der Roman ist für Leser*innen, die sich für Geschichte interessieren und denen Bücher im Stil eines Diariums gefallen. Also, wenn ihr wissen wollt, warum Ndiaye mit seinen Zeichnungen sogar den Doktor verblüfft und was es mit den Löwen-Hexer auf sich hat, holt euch diesen Roman.

Ein Fehlkauf wird dies ganz sicher nicht.

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